Dienstag, 12. Juli 2011

Ausser Sichtweite

Netz macht, dass du deine Bekanntschaften splittest in Virtuelle und Analoge.

Mobiles Netz katalysiert die Schnittmengenherstellung, einmal nach Irgendwem zum Kaffeetrinken in Irgendwo fragen, Schwups kriegst du Irgendwas, mindestens aber erstmal einen Kaffee in Irgendwo. Oder Kekse aus Irgendwo. Tweetup, heißt das dann, analoger Brennwertgewinn durch digitale Vernetzung.

New Year's Eve, NYC, 1965 (Kiss me, stupid)

Wir kaufen mobilen Zugang zur permanenten Verfügbarkeit und zum Verfügungstehen unserer Lifelines: Den professionellen, den emotionalen, den höheren Gewalten (wetter.com).

Wir kleben an Geräten, senken den Blick, um in so einer digitalen Erbaulichkeitskrücke von 140 Zeichen zu lesen: „Blick heben!“. Die Verarbeitung dieser Daten nimmt die Zeit in Anspruch, die wir nutzen könnten, eben dies zu tun: Den Blick zu heben und wenn schon nicht schweifen zu lassen, dann mal rüber zu wuchten, zu unserem Gegenüber. Alas poor us: Er scrollt durch seine iTunes.

Mit anderen Worten: Ich glaube, ich schaue zuviel auf Bildschirme.

Der Witz an der Mobilität und der Dynamik ist, dass wir sie beherrschen müssen, um Stabilität zu wahren: Die unserer Existenzsicherung, Beziehungen, der gottverdammten Parkkarte für dein Auto, die immer nur für ein Postleitzahlengebiet gilt und nein, es zählt nicht, dass am Samstag keine Straßenverkehrsämtliplakettenstelle Zeit für dich hat.

Um zu sichern, was ist: Monetär, Emotional, musst du dich bewegen.

Wer das bezweifelt, stand noch nie an einem Sonntag Abend auf einem Bahnsteig und sah die vielen hauptberuflichen Mischgewebsträger, wie sie die Nasen aneinanderreiben bevor sie sich einmal mehr für 5 Nächte in jeweils anderes betitelte Orte mit Stadtrecht, Bahnanschluss und fakultativ Landesregierungssitz zurückziehen. Damit A und B sich in C treffen können, müssen sie genug Geld verdienen, um Bahnfahrten und Zweitwohnsitze zu finanzieren. Weil A keinen Job in D, der gemeinsamen Heimatstadt findet und B sich gerne die Geschichte über sich selbst glauben würde, eine im Grunde genommen unabhängige, weltinteressierte und für neue Eindrücke offene, ihnen geradezu nachhungernde Person zu sein, wählt man nun Option E: Elend Wochenendbeziehung.

Das Glück in Minuten, irgendwo zwischen Trockenreinigung, Steuererklärung und Zoobesuch mit Patenkindern.Was das bringt? Ein volles Meilenkonto, einen konfusen Kopf, Erledigungen on the go, ständige Verfügbarkeitserwartung an sich selbst und Andere, kein Ankommen, nirgends.

Wenn ein mit dem großen Löffel gegessenes Leben bedeutet, sich einzulassen, bedeutet das eben auch: Nicht mehr rauskommen aus den Chosen. Oder unter Windungen. Oder dem gewunden werden. Die Hoffnung bleibt, das man so verdreht noch den Refresh-Button findet.


Montag, 11. Juli 2011

Something old, something new

Eine der neuerdings immer mal wieder in meinem Bloggesichtsfeld auftauchenden Irrungen ist, dass Nonkonformismus, Angstfreiheit, Respektlosigkeit oder die Annahme von Existenzspielarten jenseits der heterosexuellen Festverpartnerung ein Attribut der Jugend sind. Ich glaube an das Gegenteil: Ich glaube, mit dem Alter fallen ja erst die Hemmungen. Die Tragik liegt darin, dass, wenn es soweit ist, es keiner richtig genießen kann weil eben innere und äußere Verfasstheit der Lebensjahre eklatant voneinander abweichen. Wer will mutige Best Ager sehen?


Dabei ist diese "Ich fühl mich anders alt als ich bin"- Problematik kein Privileg des "Ich bin alt und fühl mich jung": So kenne ich aus Mitbürgergesprächen, u.a. mit meinem Spiegelbild, das leichte Unwohlsein, dass sich einstellt, wenn man zwar wie 28 aussieht, aber innerlich an der Grenze zur 75 kratzt. Diese nagende Stimme, die dich fragt, warum du jetzt „Goodbye Deutschland“ guckst und nicht in einer ehemaligen Fabrikhalle zu elektronischer Musik in gesundheitsgefährdender Lautstärke Körperflüssigkeiten mit bevorzugt Nichtmuttersprachlern austauschst, während dir links ein als Eichhörnchen verkleideter Körperjuwelier den Innenschenkel oberflächenpierct und rechts die Suspension eingezogen wird für deine Performance, die du nebenbei planst: Tagsüber reist du selbstverständlich zu Gleichberechtigungs-Barcamps, baust Schulen in Asien oder gehst auf einen 16 wöchigen Wandertrip durch Kolumbien ohne ein Wort Spanisch weil dein Lächeln reicht, eine Entführung zu unterbinden, selbstverständlich nur, bis der Studienplatz Medizin in Harvard frei wird und du die Aidskur findest.



Der Witz ist, dass die Gelassenheit, die du bräuchtest, das Jungsein nicht zu fürchten sondern einfach nur zu genießen mit all den schwachsinnigen Aktionen, all der sinnlos investierten Energie, dem Hedonismus, dass die erst in dem Alter kommt, in dem du damit, mit Gelassenheit und Angstfreiheit ob der Konsequenzen der erfüllten Bedürfnisse, Schaden anrichtest.



Oder, wie es einer weiß, der es wissen muss, ausdrückt: "Die Autos, die nur gut an jungen Menschen aussehen, kannst du dir erst leisten, wenn du alt bist." Ganz zu schweigen von drohenden Bandscheibenvorfällen beim Einstieg in einen Roadster. Der Cayenne ist doch nichts anderes als die Antwort Zuffhausens auf das Bedürfnis alter Menschen, in einem jungen Auto zu sitzen und es v.a. auch wieder verlassen zu können ohne sich einer Massage (nicht mal Thai) unterziehen zu müssen.


Hat das Handeln nun aber Konsequenzen, steht mehr auf dem Spiel und geht, dank dem im Alter erworbenen Hang zum I dont give a fuck mit grundsätzlichen Veränderungen an Familienstand, Wohnort, Tätowierungsgrad einher, so wird dies häufig mit dem Begriff des gescheiterten Lebensentwurfs in Zusammenhang gebracht. Das Wort vom "Entwurf" wird immer erst dann benutzt, wenn das Scheitern bereits vorbei ist, das heißt, vorher war es kein Entwurf sondern Dogma.


Es scheint, als müsse mit dem Begriff des "Entwurfs" begrifflich retrospektiv die Welt gerade gerückt und auf Schienen für die nächste Testfahrt gesetzt werden: Sorry, war nicht so gemeint, kann ja mal vorkommen, trial and error, das Dogma zu haben war aber prinzipiell korrekt.


Da das aber das Prinzip Leben ist, in Ungewissheit aller Variablen das zu wählen, was plausibel, bequem und zumindest nicht schmerzverursachend erscheint, aber eben nicht in Gewissheit aller möglichen Alternativen erfolgen kann und daher immer nur Entwurf oder eine mögliche Alternative zu vielen anderen sein muss, kann man den „Entwurf“ auch weglassen. Es ist nicht der Entwurf gescheitert, es ist eine Versuchsanordnung abgedampft. Weil Leben unkontrollierbar ist. Und ein Enwurf eben genau in Annahme der Kenntnis möglicher Variablen erfolgt.


Genau genommen ist es ja nicht so, dass wir losgehen und sagen, wir entwerfen jetzt mal ein Leben. Im Regelfall tun wirs einfach, wir leben so vor uns hin. Machen das, was sich richtig anfühlt oder mindestens bequem und allermindestens nicht wehtut, es sei denn, Masochismus herrscht.


Womit wir wahrscheinlich doch der Begründung für junge Autos an alten Männern auf die Schliche gekommen wären: Es sind die mangelnden Stoßdämpfer, die zwei Tage Krummrücken nach einer Fahrt durch die Innenstadt.


Was macht eigentlich Ulf Porschardt?


Dienstag, 28. Juni 2011

Durchbrüche

In Zürich Besuch aus Berlin zu treffen, ist ein wenig so, als schaute man mit seinen Eltern einen Film, in dem geknutscht wird: Ein bißchen unkomfortabel, ein bißchen aufjaulenswert, wie sich Welten ineinander verschieben, die nichts miteinander zu tun haben sollten. Ob Libido vs. im Grundsatz stets als asexuell anzunehmende Blutsverwandtschaft oder die stadtgewordene AUDI-Werbung mit Lohnarbeitsprofitsprimat namens Zürich vs. das Übergriffigkeitsdorf mit Metropolansprüchen und einer Einstellung, die beim Weg nicht nach dem Ziel fragt, sondern ob und wie es unterwegs vielleicht erstmal ein Stützbier hat namens Berlin: Das sind Systemwidersprüche, die nicht auflösbar sind ohne die Hirnrinde gepökelt zu kriegen.

So berichtet meine Berliner Freundin T., sie habe bei Rumfahren mit ihren Schweizer Gastgebern immer wieder gefragt, was es mit den Lampen, die quer über die Straße hängen, auf sich habe. Ob das Zürcher Spezialität sei. Ob das nicht gefährlich sei bei Wind und Wetter. Seit wann es das gäbe. Sie fragt viele Fragen.
Ihre Gastgeber antworten: "Weihnachten hängen wir noch andere Lampen auf.".

Sie nickt interessiert und bemerkt dann, dass das aber ihre Frage nicht beantwortet. Daraufhin Schweigen und eine Stimmung im Auto als hätte sie gerade ausgiebig Körpergase freigesetzt. Das Gleiche wenig später, als man Rast macht.

Man geht zu viert in ein Lokal, bestellt. T. ist nicht hungrig und nicht durstig, möchte aber nachvollziehbarerweise nur ungern 30 Minuten alleine auf der stillen Rückbank im Auto verweilen. Sie setzt sich also zu den anderen, als der Kellner kommt, gibt sie aber keine Bestellung auf sondern sagt: "Für mich nichts. Danke.". Kurz nachdem der Kellner außer Hörweite ist, kriegt sie gesagt: "So etwas macht man hier nicht. Wir bestellen, auch wenn wir keinen Hunger haben.". T. s Verwirrung wächst.

Nun sitzen wir abends bei einem ihr von mir aufgeschwatzten Süßmost (ich zwinge meinen Besuch dazu, die lokalen Spezialitäten zu testen um eventuelle Toxik zu eruieren, sie sind quasi meine Vorkoster, das einzige, was mich mit Royalität verbindet. Dass und die sich aus diesem Umstand ergebende Risikohaftigkeit des vorzeitigen Verlusts der 2,3 Leute, die freiwillig mit dir Süßmost trinken gehen, dem Selbsterhaltungstrieb geopfert, siehe Prince Charles wahrscheinlich existierender Privatfriedhof ehemaliger Polobuddies) und sie fragt mich, was es mit diesen Dingen auf sich habe.

"Ist das eine nationale Unentspanntheit oder war das eine Privatneurose heute?".

Ich überlege und kann keine Antwort geben. Genau dies ist die Herausforderung am Leben als Expat: Du weißt nie, ob du gerade im Glauben einen Kirschbananesaft zu bestellen, sagen wir mal, Wilhelm Tell der Unzucht mit Ziegen bezichtigt hast und ob, wenn dem so ist, genau dies hier am Ort eine Beleidigung ist oder eine Lobpreisung. Und wie es im nächsten Kreis, geschweige denn Kanton aussieht, das steht auf einem ganz anderen Blatt.

T. seufzt. Wir sprechen darüber, was sonst noch war auf ihrem Ausflug. Sie freut sich über den Ortsnamen "Küsnacht" und nennt ihn "Küss-Nacht". Sie lobt das saubere Wasser und die Absenz von Lebensmittelskandalen. T. ist Veganerin, wird ihr Kind wahrscheinlich auch so erziehen, geht gegen Atomkraftwerke auf die Straße, hat mit Schulmedizin nicht viel am Hut. Bevor T. weiter Sternchen kriegt, wenn sie über Küss-Nacht fabuliert, zeige ich ihr eine interessante Zeitungsanzeige.


Wir trinken aus. Ich bringe sie zum Tram, die wir beide "die Tram" nennen. T. sagt: "Wie du das machst, dass du hier alles verstehst - Krass.". Was sie nicht verstanden hat, ist ja, dass mein geheimer Plan nicht ist, alles zu verstehen, sondern alle anderen dazu zu bringen, mich zu verstehen. Ein Unterfangen von der Erfolgsaussicht eines Mondflugs in einem Bobbycar.
Immerhin: Diese Woche im Büro das erste Mal einen Satz gehört, der genauso auch in Berlin hätte fallen können: "Du bist so blöd manchmal.". Ich habe mich sehr darüber gefreut, bedeutet es doch: Meine Superkraft des Aufdienervenfallens scheint Landes- und Mentalitätsgrenzen zu sprengen! Ich als gemeinsamer Nervbolzen als Bindeglied zwischen EU und dem notorischen Einzelentscheider Schweiz: Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, das zu monetarisieren.

Sonntag, 19. Juni 2011

Mixed Messages

Was ich relativ schnell gelernt habe in meiner Zeit hier ist der Fakt, dass ein Umzug in die Schweiz nicht ein Umzug in ein neues Land bedeutet sondern in ungefähr 448, mindestens so viele wie Kantone, ich vermute aber im Grunde genommen so viele wie Berggipfel und zugehörige Täler. Schnell habe ich gemerkt, dass, was für Berner völlig nachvollziehbar und verständlich ist, einem Zürcher vorkommt wie das Ritual Wilder. Und umgekehrt.
So sagt mir Arbeitskollege P. in Zürich: "Was du auf keinen Fall machen darfst, ist zu sagen "Ich kriege ein Bier." wenn du ein Bier bestellen möchtest. Das ist in der Schweiz extrem unhöflich. Das ist ein Befehlston.". Weil dieser lexikalischen Sensibilität zu widersprechen die Energie benötigt, die ich brauche, sie mir zu merken um Ausschaffung oder Bierausgabenverweigerung (mithin gleichermassen schlimme Konsequenzen für eine Deutsche) zu entgehen, speichere ich die Information in meinem inneren Ordner "Odd, unvermeidbar, deal with it." ab. Kurz darauf bin ich in Bern, wo ich etwas finde, was in meinem Glaubenssystem das ist, was Katholiken der Jesus auf dem Toastbrot oder eine Marienerscheinung auf der Autobahntoilette auf Lourdeswallfahrt ist: Im Gewerbegebiet, in dem der Bürostandort liegt, entdecke ich einen benachbarten Eiscreme-Werksverkauf. Dank der Findigkeit eines weiteren, eben Berner Arbeitskollegen, bade ich alsbald die entzückten Augen in Krankenhausmengen Qualitätseiscreme zu für Schweizer Verhältnissen Dumpingpreisen (das heisst: Für Deutschland "normal").
Meine Ausbeute (bis zum geplanten Erwerb eines Family Frost-Wagens gebe ich mich bescheiden und räume erstmal im Milliliter-Bereich ab) an der Kasse zahlend, hören meine erstaunten Ohren den Satz "Und ich krieg noch eine Tüte dazu, bitte.". Zumindest vermute ich dies, der Mensch spricht schließlich Dialekt. Aber ich bin mir relativ sicher. Als ich zurück in Zürich mein Erstaunen über diesen doch so offensichtlichen Sprachgebrauchsclash der Kantone kundtue, wird mit großer Skepsis auf mein vermutet marginales Verständnis der Dialekte hingewiesen. Auf gut Deutsch: Da hätte ich was falsch verstanden. Akustisch.
Und selbst, wenn ich richtig verstanden hätte: Mein 1000m Lauf durch alle Fettnäpfchen zwischen Locarno und Basel soll längst nicht beendet sein, zumindest macht mir dies eben jener Berner Kollege deutlich, als wir den Eisladen verlassen.
Ich hatte mich, wie seit Wochen und, wenn ich ganz ehrlich bin, mein ganzes Leben lang, von der Verkäuferin mit einem typisch berlinerischen "Tschüssie!" (wichtig ist, dass "T" eher stumm zu halten und die Betonung aufs "i" zu legen, das entspricht urbaner Dynamik, die es braucht, um die Bierflaschen aus dem Späti in den Park zu kriegen bevor die Asis aus Tarifzone C wieder alle guten Plätze besetzt haben) verabschiedet. Vertraulich, so wie man jemanden im Nachhinein sagt, dass er seit Beginn der Firmenpräsentation den Hosenstall offen hatte, raunt mit der Kollege zu: "Also, Tschüss...das sagt man hier nur, wenn man sich duzt. Das kannst du der älteren Dame gerade ja nicht unterstellen.". Erneut öffne ich den oben beschrieben Oddness-Ordner und begrüße innerlich meine mit diesem Hinweis erworbenen 1000 neuen Schweizer Duzfreunde aus Kreisämtern, Supermärkten und Arztpraxen.
Als ich bei nächster Gelegenheit in Zürich nach dem Mittagessen im Arbeitskollegenkreis mir ein eckiges "Uff Wiederluege" abquetsche, dass sich aus meinem Mund eher anhört wie ein Hilfsgesuch an die Ghanaische Botschaft, eine Plastikfabrik mit meinem Namen zu eröffnen, schauen mich meine Züricher Kollegen erstaunt an. Ich erkläre ihnen das "Tschüssie"-Problem. Bemüht, mein integratives Potenzial zu zeigen. Und stoße auf Kopfschütteln: "Also, Tschüssie, das ist doch kein Problem. Das kannst du hier sagen, ganz normal, wie Auf Wiedersehen. Und überhaupt: Du solltest beim Hochdeutsch bleiben."
Ich kapituliere. Und konstatiere: Die erfolgreiche Domestikation durch die Schweiz erfordert zügigen und konsequenten Entscheid für einen Kanton. Oder einen Berg. Wenn das so weitergeht, wähle ich dafür den Berg mit dem Zoo hier am Platz. Und spreche nur noch Affensprache. Da kann sicher weniger schief gehen als bisher.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Alles muss raus.

Der Vorteil meiner ersten Festanstellung ist, damit endlich ins Privileg einer Krankenversicherung ganz und allein auf meinen Namen zu kommen. Ich sage nicht, dass es an die Grenzen mentaler Belastbarkeit geht, mit 28 noch jede seiner Arztrechnungen an seinen Vater zu schicken, der somit stetig aber gewiss eine profundere Kenntnis deiner Organ- und Zahnkondition erhält als du selbst. Ich sage nur, dass es irgendwie auch Freude macht, seinem Arzt keine Fantasiebezeichnungen mehr für Verschreibungen und Untersuchungen mehr in den Block diktieren zu müssen (ich sage nur „hormonelle Anpassung“, und ich weiss, es werden Frauen wissend nicken) um sich einen Hauch dessen zu sichern, was andere mit 18 erhalten: Das Recht auf Privatsphäre.

Jedenfalls war es mir ein innerer Vorbeimarsch meine brandneue, marineblaue Versichertenkarte der munter auf mich einplaudernden Sprechstundenhilfe über den Tresen zu schieben, als ich letzte Woche nach 3 Tagen Bauchkrämpfen entschieden hatte, es sei Zeit für eine zweite Meinung nach Freund Google. Es ist, nebenbei gemerkt, schon an und für sich nicht wirklich eine gute Idee seine Symptome einer Suchmaschine anzuvertrauen, die einem dann, dem Schwarm sei Dank, mit mehr als 5000 möglichen, in Herkunft diversen, aber stets relativ wahrscheinlich tödlich verlaufenden Krankheiten diagnostiziert. Kommt der Bonuslevel „grassierender Virus in deiner Nähe“ gekreuzt mit der Hysteriequadratierung „deutsche Medienberichterstattung“ dazu, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Helmut Markworts elektronischer Friedhof per Targeting anfragt, ob du nicht mal ein schönes Plätzchen neben Jopi Heesters reservieren möchtest.

Der Arzt sieht mich an, ich schildere ihm meine Vorgeschichte zum Thema „Bauchweh“, die das Entfernen der Galle mit Anfang 20 (eine schöne Kombination aus genetischer Prädisposition und der Unfähigkeit, Stress als etwas anderes als Unfähigkeit zu verstehen, was in mehr Stress mündet, ein perpetuum mobile der psychischen Selbstkasteiung) und eine endoskopische Entfernung neuerlich gebildeter Steine im letzten Sommer umfasst. Weil ich keine Lust mehr habe, noch eine Notaufnahme kennenzulernen und sowieso wahrscheinlich nichts mit dem Wartezimmer des Vivantes Friedrichshain, wo zur Ablenkung gramgebeugter Patienten nicht die BUNTE sondern Broschüren über tödlich verlaufende Motorradunfälle ausliegen (ob die Motorradunfallbroschürenbranche jemals gedacht hat: „Hach, Kranke Menschen! Sie gehen sicherlich gerne Risiken ein wie auf 2 Rädern ungeschützt mit Motorenkraft sich den Launen von Menschen geschützt in Fahrzeugkarosserien auszusetzen! Streuverlust ade!“) mithalten kann, gehe ich jetzt lieber eher zum Arzt als auf den Status „nicht mehr aufrecht stehen können“ zu warten.

Der Arzt nickt verständnisvoll. Dann meint er: „Ich werde gleich einen Schnelltest mit ihrem Blut machen. Da sehen wir, wie sich die weissen Blutkörperchen verhalten und ob das alles im Rahmen ist.“. Ich nicke und freue mich, so schnell Gewissheit zu kriegen. Der Arzt sagt: „Ich kann ihnen in 5 Minuten Bescheid geben.“ Ich nicke nochmal, halte mit einer Hand den Bauch und mit der anderen einen ehrlich gemeinten Daumen Hoch-Daumen hoch. Er fügt hinzu „Wissen Sie: Dieser Test...damit mache ich gar keine Gewinnmarge. Es ist wirklich so, dass ich daran fast gar nichts verdiene, so aufwändig ist das. Aber ich machs eben trotzdem.“. Ich nicke automatisch. Innerlich denke ich, dass das das erste Mal ist, dass ich einen Arzt das Wort „Gewinnmarge“ hab sagen hören. Was kommt denn als nächstes? Preisschilder an meinen Organen? Sehe vor meinem inneren Auge Schilder in der Praxis „Angebote der Woche: Lebertest.“, „Im Dutzend Billiger: Einläufe: 500 CHF, 200 CHF Selbstbehalt“.

Es ist nicht so, dass sowas dir nur in Zürich passieren kann. Es ist nur so, dass es mir gerade nur in Zürich passiert ist.

Genauso, wie ich nur hier ständig höre und lese „Alles richtig gemacht.“, die schulterklopfende Selbstvergewisserung von Deutschen gegenüber Deutschen, die sich gegenseitig gratulieren zu Wochenendreisen im Tessin oder „billig zu schießender“ Heimelektronik hinter der Grenze. Ich denke: Das Betonen des Richtigmachens trägt die Verteidigung in sich. Wogegen in aller Welt denn nur? Wer oder was hat denn jemals unterstellt, was „falsch“ gemacht zu haben? Und impliziert das Betonen, man selbst mache es „richtig“ eben alle anderen machten was „falsch“? Ist eine Existenz, die ihre Güte nicht an Nettogehalt und der Menge und dem Alter erworbener Waren misst, eine „Falsche“? In wessen Buch denn? Und muss das das Buch aller anderen sein? Und ist andererseits Leben überhaupt was anderes als das Abhaken von Listen in einem Buch, von dem man bestenfalls ein paar Seiten selbst schreibt während man den Rest per Elternhaus geliefert kriegt? Und soll man deswegen gleich ganz aufhören, die Bücher wegschmeissen zu wollen? Und wie und wann hat diese Metapher aufgehört, stringent zu sein?

Die Nichtvoraussetzungsfähigkeit eigener Werte, die blitzt mich hier bisweilen aus so mancher Ecke an. Sie beginnt da, wo eine Mitbewohnerin das streifenfreie Reinigen von Zahnputzbechern (und zwar der sämtlicher Wohnungsbewohner) als Teil des wöchentlichen „Putzämtlis“ zur Bedingung der Zuschreibung von Zurechnungs- und Mitwohnfähigkeit macht. Diese Abweichung sich ab und an bewusst zu machen, bewusst gemacht zu kriegen: Das ist der Kern der Fremdheit.

Aus unterhaltungstechnischer Sicht muss ich sagen, ich hätte einfach mit den Einläufen im Dutzend billiger aufhören sollen.



Sonntag, 15. Mai 2011

Emulating Geri Weibel

Nichts erweist sich für einen Deutschen neu in Zürich praktischer als Schmerzfreiheit kommunikative Missverständnisse und eventuell schamesrotinduzierender Situationen betreffend, geschult in jahrelangen Großstadtaufenthalten. So kann ich die Bestrebungen des sehr sympathischen Abendeinladenden Paares, die Fensterteile ihrer Flurtür, ein schönes Jugendstilmotiv, mit Sichtfolie abzukleben um den Blick auf frisch gesäuberte, aber eventuell nackte Körper beim Durchqueren der Wohnung zu verwehren, nicht so recht nachvollziehen. Wo ich herkomme, herrscht das Motto: Wer guckt, ist selber Schuld. Man trägt die Verantwortung für das, was man sieht. Saures Aufstoßen, weil der Typ neben dir im U-Bahnhof seine nässende Beinwunde mit einer Blumenampel dekoriert bevor er die BSR- Eimer um Pfandflaschen erleichtert und beherzt in den Müll greift? Warum hast du hingeschaut!? Schamlosigkeit siegt. Vom Überwinden der Fremdscham zum Vergessen der Eigenen ist es nicht weit, im Zweifel hilft ein gesunder Pragmatismus. Ist es ein bisschen peinlich, wenn du in der ersten Woche in deiner neuen WG nur in Unterwäsche den Kaffee kochend von der Freundin des neuen Mitbewohners in ein Kennenlern-Gespräch verwickelt wirst oder die Schwester der neuen Mitbewohnerin auf einen kurzen Schwatz reinkommt weil die herzerfrischende Schweizer Angewohnheit, Wohnungstüren nicht abzuschließen wenn man zu Hause ist, trotz Klinke außen, herrscht? Entscheidend ist doch nur, nicht eine Baumwollruine zu tragen. Oder wenn, dann mit Stolz.

Ist es ein bisschen peinlich wenn man auf einem Apéro (after work-Stehumtrunk) sagt:
"Ich kann sicherlich noch viel lernen. Also, ihr müsst mich noch einführen." und eine Antwort kriegt, verdruckst, die darin gipfelt, dass das Gegenüber flankiert von eindeutiger Geste sagt: "Bei uns heisst jemanden einzuführen, jemanden einen Einlauf zu geben."? Wohl kaum peinlicher als auf ein freundliches "Gruezi" mit einem beherzten "Nachtie" zu antworten.
Mein erklärtes Ziel ist es, solange unbeschämt zu sein, bis alle anderen auch unbeschämt sind. Pionierin der Schmerzfreiheit in allen europäischen Währungsgebieten, so wird man mich nennen.


Samstag, 7. Mai 2011

The pursuit of Züriness

Dass ich nun wirklich nicht mehr in Berlin bin sondern in Zürich, dass habe ich vorhin festgestellt: Ein Paar geht am Ufer eines Flusses spazieren, der, bis auf seine verdächtige Klarheit und Fließgeschwindigkeit in der Form auch nicht zwingend nicht durch märkischen Sand fließen könnte. Ich lasse sie vorbei, weil mich das Hecheln ihres asthmatischen Foxterriers im Nacken irritiert. Der Mann bedankt sich, seine Frau lutscht ungeührt an einem Kirschlolli.

Ungefähr 20 Meter weiter den Fluß hinab, an einer graffitibunten Unterführung, höre ich vor mir ein Jauchzen. Das Gesicht zum Geräusch ist ein vielleicht 11jähriges Mädchen. Ihr Entzückenslaut galt nachvollziehbarerweise dem kleinen Hund und sie fragt höflich, ob sie ihn streicheln dürfe. Sein Besitzer darauf: „Aber natürlich. Flocki ist sein Name.“. Darauf das Mädchen: „Ach, wie herzig.“. Dann bedankt sie sich und geht weiter.

In Berlin hätte sich die Situation wie folgt abgespielt: Die Unterführung hätte ungefähr gleich ausgesehen, wenn auch der Weg dahin zugemüllt. Das Mädchen hätte auch gejauchzt, vielleicht sogar noch gefragt, ob sie mal den Hund anfassen dürfe. Dann aber wäre folgendes passiert: a) der Hund hätte ihr Gesicht gefressen und sich somit über den Klassiker „Hausaufgaben als Mageninhalt“ hinausentwickelt, b) der Besitzer hätte gesagt „Dit lässte mal schön bleiben, Frolleinchen.“ c) (am wahrscheinlichsten) alle Anwesenden wären von einem riesigen Wahlkampftraktor in Form eines Damenschuhs, gefahren von Klaus Wowereit, niedergemäht worden. Ich übertreibe vielleicht ein bisschen. Es wäre eventuell nur ein Quadbike gewesen, das olle Klaus gefahren hätte.

Mein Einstieg, in puncto "Szenisch gelungen" vom Voldermort deutschsprachiger Aufschreiber namens Wolf Schneider wahrscheinlich zum Hinternabwischen benutzt, wobei er´s ja dafür erst mal hätte ausdrücken müssen, dieses Internet, ist eine Anekdote zum Erkennen dessen, was mir im Vorfeld meines Umzugs als unheimliche Dichotomie Zürich-Berlin angekündigt wurde, die es gemäß einem meiner legendären Schnellurteile nach knapp einer Woche in meiner Erfahrung gibt, aber auch nicht gibt. Die es manchmal nur gibt als Koketterie, als Spiel mit dem Ultimativziel des Distinktionsgewinns.

Das Spiel geht in beide Richtungen: So beschreiben in meinen ersten Tagen hier meine neuen Kollegen immer wieder gewisse Unterschiede und Eigenheiten, auf die es zu achten gelte. Ich solle auch nicht versuchen, Schwizerdütsch zu sprechen. Ich höre letzteren Hinweis so häufig, dass mir klar wird: Diese Menschen müssen gelitten haben. Jahrelange, tausendfache Mimikry-Schweizer in Einzelhandelsschlangen, beim Tanken, auf dem Amt, am Kaffeeautomaten in der Cafeteria! Ich bin über den Hinweis auch halbwegs überrascht, weil es mir bis dato gar nicht in den Sinn gekommen war, das mit dem Schwizerdütsch auch nur zu versuchen. Andererseits kann ich beim Nachdenken über den Fall andersherum: Ich träfe auf einen Ausländer in Deutschland und er versuchte nach ein paar Tagen Deutsch mit mir zu sprechen- keine entsprechende Abwehrreaktion feststellen. Es wäre mir schlichtweg egal, was wir sprächen, solange wir uns verständen. So halbwegs. Mit Händen und Füßen.

Ich denke weiter nach über die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten und die gegenseitigen Abgrenzungsäußerungen. Merke, dass für mich klar war, solange ich Bahnhof, Post, Kreisamt, Arbeitsbeginn verstehe, bin ich auf vertrautem Terrain. Merke, wie selbstverständlich ich das Verstehen der Sprache als funktionierende Basis eines Umzugs in dem für meine Verhältnisse gerade richtigen Anteil von Exotismus gewürzten neuen Ort meiner Eskapaden um Eiscreme und andere Lebensnotwendigkeiten gesehen habe. Wage die Vermutung, das Thematisieren der Eigenheiten ist die größte Eigenheit der Schweizer.

Stelle fest, dass es das gibt, was immer wieder als „unglaubliche Lebensqualität“ in der Schweiz beschrieben wurde: Höflichkeit, Dezenz, eine Stadt ohne Müll, Scherben, Hundehaufen in den Parks. Eine Stadt, die sich noch fremd anhört, ein bißchen wie Dialoge in Lise Gast-Büchern. Was nicht schlimm ist, die Welt muss nicht immer Jörg Fauser sein.


Stelle aber auch fest, bleibe dabei, dass es Universelles gibt, was nicht Weniger ist als das Streben nach Glück. Dass dies in Parametern läuft, die kulturell oder von Linien auf einer Karte abhängig sind: Geschenkt.

Das Erstehen eines 70er Jahre Occasionsvelos des Zürichers ist gleich die Markierung eines gottverdammten Fahrradwegs in Mexiko, einem der Länder mit der höchsten Wahrscheinlichkeit auf dem Rad überfahren zu werden, wobei dort Fortbewegungsmittel und Einkommen korrellieren und ein Rad sich nicht über die Schmalheit seine Reifen oder seinen "Vintage"-Appeal profiliert sondern seine schiere Existenz. Glück hat unterschiedliche Farben, Geschmäcker, Formen. Alle suchen´s. Alle treten sich beim Suchen danach dann und wann auf die Füße. Und alle wollen glauben, sie seien dabei einzigartig.

Dabei weiss jeder, dass das Glück nur in einem roten Damenpump, getragen von einem Hund namens Flocki daher kommt. Der in Esperanto bellt.

P.S. Unterschied:

Überflüssig zu sagen, wie ich die ersten Tage unterm Wasserhahn hing weil ich die Funktionalität der Duschumschalte nicht kapierte: Die Wasserhähne haben hier eine Vorhaut.