Sonntag, 15. Januar 2012

Rant zum Sonntag

Mit dem Bloggen ist das so eine Sache: Um die Grenze des "Das müsste mal gesagt werden..."-Gedanken zum tatsächlichen Post zu überschreiten, braucht es einen Motivationsschub, der au s Emotion entstehen wird. Diese Emotion kann positiv und liebevoll sein (davon hörte ich zumindest mal), meiner Erfahrung nach ist sie meist eine aus Unverständnis und Kopfschütteln gespeiste "Mein Rant soll dich besseres lehren, Internet!"-Einstellung. So auch im heutigen Fall an dieser Stelle.
Es braucht viel, um mich aus der derzeitigen erwerbsarbeitsbedingten Kopfausschaltbedürfnisanstalt während marginaler Restzeitbestände zu holen, diesem durch meine Twittertimeline gespülte Blogpost zum Rückzug der Schleswig-Holsteinschen Grünen aus Facebook gelang eben dies. Womit die etwaigen Gründe die Mundwinkel hochzuziehen auch schon gezählt wären.
Auslöser meiner Aufregerei ist die Idee des Bloggers, Facebook als "Broken by design" zu bezeichnen mit der Begründung, es wäre nicht universell zugänglich, ergo die Abbildung politischer Diskurse dort fragwürdig und ein Grund Facebook aus dem öffentlichkeitskonstituierenden Potenzial des Internets auszunehmen, da es nicht die von Tim Berners-Lee postulierte "Universalität" als Basisprinzip des Internets beherzige:

"Universalität ist das grundliegende Design des Webs. Unabhängig von Hard- und Software, Netzwerkanbindung und Sprache soll es den Menschen möglich sein, jeden Inhalt in das Web zu stellen und auf eben diese Ressource zu verlinken. Das setzt zwingend Offenheit und Dezentralität voraus. Nicht ohne Grund war der Leitspruch des W3-Konsortiums, dem Gremium, das die zum World Wide Web gehörenden Techniken standardisiert, zunächst „Everyone’s a publisher!“. Jeder soll veröffentlichen können Das erfüllt Facebook nicht und ist deshalb kaputt."

Dieser Idee folgend wäre jedes "Netz im Netz" dem Prinzip der Universalität zuwiderlaufend und ein Ort des Unterlaufens von Öffentlichkeit bzw. Beförderung z.B. landespolitischer Diskurse zwischen Akteuren durch das Nichtvorhandensein von Barrierefreiheit des Publikationszugangs.
Nun ist es aber so, dass diese Idee der Barrierefreiheit die ist, die "boken by design" ist. Am griffigsten fasst es wohl die kommunikationswissenschaftliche Theorie der "Wissenslücke" zusammen: Unterschiede, die mit Alphabetisierung beginnen, über Aneignung von Bedienfertigkeiten bis zu individuell ausgeprägten Unterschieden zwischen Anwendern innerhalb ihrer technischen und intellektuellen Fähigkeiten gehen, machen die gesamte Idee der Universalität von Publikationszugang im Netz obsolet und zu einer reinen Idealvorstellung.

Anders ausgedrückt könnten sich die Grünen Schleswig-Holsteins mit der gleichen Begründung und unter gleichem wohlfeil aufgeregt tuenden Aufplustern von dem Versenden von Pressemeldungen an Zeitungen verabschieden: Schliesslich liest ja nicht jeder der so dringlich von ihnen informiert werden müssenden Menschen eben jene Zeitung, z.B. weil es sie an seinem Kiosk nicht gibt, er kein Geld hat, sie zu bezahlen oder der Sprache, in der dort publiziert wird, nicht mächtig ist.

Informationsverbreitung und Kommunikation ist und war nie eine Sache von Barrierefreiheit und kann es gar nicht sein. Das liegt in der Sache begründet, an Übertragungsfaktoren wie Sprache und technische Träger wie Medien gebunden zu sein. Fertigkeiten und Ressourcen technischer, monetärer und intellektueller Art können genauso gut als sich in den Weg von Publikationsoffenheit stellend betrachtet werden wie die Tatsache, dass Facebook eine Registrierung voraussetzt um sich dort zu exponieren und gegebenenfalls zu kommunizieren.

Was mich an der Aktion der Grünen stört, sind die Argumente, mit denen sie es tun: Niemand zwingt eine politische Partei, auf Facebook zu sein. Sie sollte es aber tun, wenn sie daran interessiert ist, Menschen zu erreichen mit ihren Ideen und glaubwürdig zu vermitteln, dass sie daran interessiert ist, eben genau dort auch stattzufinden, wo dies das Leben derer, die sie erreichen wollen, in Teilen abspielt.

Man kann nicht einem Club beitreten, dessen grundsätzlichen Beitrittsvoraussetzungen man ablehnt: Mit der gleichen Begründung könnten die Grünen Mitglied im Schützenverein werden und sich dann lautstark protestierend daraus zurückziehen, weil dort Waffen benutzt werden.

Facebook hat politischen Parteien nie eine Zwangsverpflichtung auf den Weg gegeben, dort aktiv zu sein. Es ist die Welt, in der Parteien eine Rolle spielen wollen, die sich diese Bühne gewählt hat um dort die Diskurse zu führen, die sie für wichtig erachtet. Die Konversation ist nicht barrierefrei - das war sie aber nie. Und niemand zwingt die Grünen, sie nur dort statt finden zu lassen. Es stehen ihnen Blogs, Podien und die gottverdammte Kieler Fussgängerzone zur Verfügung, um zugangsoffen ihre Ideen und Postulate mit Menschen jenseits dieses Social Networks zu diskutieren. Einen wichtigen Ort der Kommunikation aber erst ausfindig zu machen und dann wutschnaubend zu brandmarken und zu verlassen heisst, genau die Menschen, die dort gegebenenfalls noch in Kontakt mit Parteiideen kommen, zu ignorieren und hinter sich zu lassen.

Ob sie sich das wünschen, müssen die Grünen sich selbst beantworten. Ich meine, ein Akteur, der um gesellschaftliche Zustimmung buhlt, muss dort Präsenz zeigen, wo Gesellschaft stattfindet. Und das ist für immer mehr Menschen eben auch Facebook oder ein sonstiges Social Network. Das heisst nicht, die Bedingungen, unter denen dort agiert wird, kritiklos hinzunehmen. Es ist aber vermessen, die Vorteile einer Umgebung- das Erreichen derer, die man erreichen möchte- erringen zu wollen während man gleichzeitig die Bedingungen, unter denen das möglich ist, zum Teufel wünscht.

Sonntag, 2. Oktober 2011

Fragen, Antworten, Marmelade oder: Kommunikationskongress 2011

Es reicht noch nicht zur Paradoxie, bemerkenswert- zumindest für den, den´s betrifft und im Falle der Egoumstülpung Blog ist das immer noch yours truly- ist es trotzdem wenn ein und dieselbe Veranstaltung gleichzeitig Antworten zu Fragen gibt, die seit einem Jahr auf das Carportvordach der Schädeldecke hageln und manchmal mit Anlauf ins Gemüt durchschlagen während Fragen anderer Belange kolossal unterbeantwortet werden. Die Veranstaltung, die ich meine, war der Kommunikationskongress diesen Jahres, wie immer im schönen sozialistischen Prachtbau des bcc, dessen Kuppeldecke fast schon traditionell einmal jährlich als Jahresveranstaltung des Bundesverbands der deutschen Pressesprecher zum Kommunikanenstadl einlädt. Da treffen sich einige derer, die in irgendeiner Form vom Sprechen und Schreiben im Dienst eines Anderen leben. Man nennt das Public Relations Fachtagung.
Es war mein dritter Kongress und es war inhaltlich aus meiner Sicht das stärkste Jahr - z.B. weil endlich über die konkrete Anwendung von Social Media in der Unternehmenskommunikation und nicht mehr nur diffus und mit einem gewissen Frustrationsstöhnen im Sinne von "Kurzatmig, anstrengend, muss das sein?" gesprochen wurde. Bezeichnend, dass dann die aus meiner Sicht beeindruckendsten Erfahrungsberichte eben nicht von generischen PRlern kamen sondern wie im Fall von Michael Buck (@WorkingforDell) aus dem Marketing. Die PRler waren die, die nach seinem Vortrag im beleidigten Ton fragten, wie das denn sein könne, dass er da nun einfach so alleine eine Social Media Strategie aufsetzt, seine Mitarbeiter schult und sie fährt. Ich fürchte, es handelt sich dabei um die gleiche Sorte Kollegen, die nach dem Bericht von Cordelia Kroß (@Shakespdaughter) über den Einsatz von z.B. wikis in der internen Kommunikation verständnislos nachfragten, wann die BASFler denn "dann mal arbeiten" würden. Was sich hier deutlich zeigte war die immer noch existierende und in den letzten Jahren sicherlich noch gewachsene Kluft zwischen denen, die das fundamental Neue an all dem, was Netzkommunikation ermöglicht, begriffen haben und produktiv einsetzen und denen, die das nicht getan haben. Es ist der Unterschied zwischen denen, die sich von Mut steuern lassen: Mut zur Beschleunigung, Mut zum Kontrollverlust, Mut zum Vertrauen in den gesunden Menschenverstand, der im Übrigen mal eben jede, aber auch jede menschliche Interaktion ob online oder offline so gut regelt, dass es keiner hanebüchenen Social Media Conducts und weihwassernden Berater braucht und denen, die in Angst leben. In Angst vor den Aufwänden, Angst davor, die bequeme Schale ihres einmal erworbenen Wissens zu verlassen, Angst davor, den wohlverdienten Afterwork-Cocktail in alerter Position der Kommentarmoderation der firmeneigenen Facebookseite verbringen zu müssen.
Die Wiki-Frage hat mich besonders geärgert, zeugt sie doch davon, dass der, der sie stellte erstens den Begriff Schwarmintelligenz maximal mit der intellektuellen Fähigkeit der niedlichen neuen Praktikantin, was das Erstellen eines Serienbriefs angeht, in Verbindung bringt und zweitens eben nicht seinen Shirky, Bruns oder gottverdammt nochmal auch den David Hasselhoff der Internet Theorie Jeff Jarvis (only big in Germany) gelesen hat. Wikis sind eben keine Zeitverschwendung: In wikis findet das statt, was Jahre zuvor in Gruppen-E-Mails aus der Hölle- ihr wisst schon, die, die an 6 Leute gehen und dann weiss keiner, wer wem schon was geantwortet hat und antwortet zu Sicherheit nochmal, nicht aber ohne vorher noch jemanden in cc zu nehmen, der bisher gar nichts mitgekriegt hat und die bereits auf 12 "Re" angewachsenen Subject-Line um ein Weiteres bereichert- gefangen war. Wissensaustausch, in Echtzeit, nur möglich aufgrund von Teilnahmeoffenheit und Transparenz.
Die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden, der profund und sachkundig eine Frage jedweder Art- "Wo ist das bunte Papier im Materialschrank?" bis zu "Habt ihr Ideen, wie ich in Sachfrage xy weiterkomme?" beantwortet, erhöht sich mit der Anzahl derjenigen, die diese Frage sehen. Diese Frage dann zu beantworten ist nicht "Zeitverschwendung" oder das, was Leute tun, während sie arbeiten sollten- es ist Teil ihres Jobs. Das heisst nicht, dass alle stets und ständig vor sich hin kollaborieren müssen - das konzentrierte Konzepten ist auch in Zeiten neuer Arbeitstools nicht obsolet- es heisst aber, diese Tools nicht per se als Spielerei und Zeitverschwendung betrachten zu dürfen. Nur derjenige, der aufmacht, interne und externe Ressourcen einlädt, ihm zuzuhören, kann vom Wissen, das er selbst noch nicht hat, profitieren.
In dem Rollenspiel "Gute Social Media, schlechtes Social Media" ist jetzt die Stelle gekommen, an der der Skeptiker den Finger hebt und stirnrunzelnd "Industriespionage" wispert, denn ein Wort diesen Ausmaßes kann man nur wispern, sonst steht ja gleich Daniel Craig im Türrahmen und seit der mit Rachel Weisz verheiratet ist, braucht das nun auch kein Mensch mehr. Ich stelle mir dann immer ein Unternehmen mit einem geräumigen Kellergeschoss, Menschen in weißen Kitteln, Namensschildern und Lebensmittelverbot am Arbeitsplatz- "Das ist keine neue chemische Verbindung, das ist ein Marmeladenfleck unterm Atommikroskop." vor. Und ich begreife, dass es Unternehmen gibt, die investitionsintensive Entwicklungen und das damit verbundene Wissen schützen wollen um davon zu profitieren. Ich verstehe nur nicht, was das z.B. mit einem gesperrten Facebook-Account auf den Unternehmensrechnern zu tun hat und der Weigerung selbst dorthin zu gehen, wo die Menschen sind, die man erreichen will und die im Übrigen die Konversation, die man verhindern möchte, längst führen, nur eben ohne aktive Beteiligung des Kommunikats.
Vom Ignorieren wird das Netz nicht weggehen. Und es braucht gottverdammt nochmal endlich den Mut, sich auf das, was das für professionelle Kommunikation bedeutet, einzugehen und dazu zu stehen, dass das Netz die Regeln ändert. So war für mich z.B. eine dieser Fragen ohne Antwort meine an Marco Dall´Asta zu den speziellen Anforderungen an Customer Care via Twitter: Die Sichtbarkeit von Information im Netz - ob "wahr oder unwahr" - und die darauf basierende Reputationsbeeinflussung eines Unternehmens sorgen in meiner Erfahrung dafür, dass Kundenservice via Social Web gegebenenfalls fixer und flexibler läuft als auf anderen Kanälen. Marco Dall´Asta bestritt dies ausdrücklich - es gäbe auf Twitter keine "Extrawürste" für Kunden, wer an der Hotline nicht weiter käme, täte dies auch nicht via Twitter - um in seinem Erfahrungsbericht zum Shit Storm...oder eher Windchen nach Fukushima aufzuführen, dass nach der auf Twitter erstarkten Kritik an den angeblichen Wucherpreisen der Lufthansa für Flüge nach und aus Japan ein komplett neues Pricing für diese Fälle eingeführt wurde. Social Media ändert also sehr wohl die Art, wie Unternehmen kommunikativ agieren müssen- schneller, flexibler und deutlich schlanker. Es bleibt im web 2.0 eben keine Zeit, jede Botschaft durch 12 interne Abstimmungen zu jagen und noch 4mal in Abstimmungsrunden den nächsten Facebook-Kommentar oder die Frage des Duzens im Corporate Blog zu diskutieren.
Die Herausforderung, die jemand wie Michael Buck begriffen hat ist, nicht die eigenen Regeln ins neue System pflanzen zu wollen, sondern sich der neuen Umwelt anzupassen und das, was an Fachkompetenz unbestritten auch im neuen Umfeld erhalten bleibt dort weiterhin anzuwenden. Mehr denn je braucht das Social Web schlaue Kommunikatoren vom Fach- wenn das z.B. bedeutet, komplexe Botschaften in klare Sprache zu bringen und als Übersetzer zwischen den Welten zu mitteln: Der des Produktherstellers oder des Programmierers und der der Person, die entnervt die App nicht laden kann oder den Flug nicht buchen oder den DVBT-Receiver nicht anstellen und in jedem Fall darüber twittert.
Kommunikation 2.0 heisst schnell und präzise relevante Informationen einzusammeln und weiterzugeben und sich bewusst zu sein, dass alles, was man sagt, gegen oder aber eben: Für einen verwendet werden kann, weil es eben das ist, was meine Banknachbarin bei einer Fachtagung mit noch weniger Antworten als der #kk2011 auf ihren Zettel geschrieben hatte: "Alles, was im Internet steht, ist dort für immer enthalten.".
So schlicht, so gut. Hoffen wir, dass wir uns in einem Jahr wiedersehen und (Achtung, Bullshit Bingo) mal auf Augenhöhe kommunizieren können: Aufrichtig darüber reden, was es heisst für uns, im digitalen Rattenrad zu sitzen und wie sie aussehen, die neuen Regeln, die aus dem neuen Ökosystem web 2.0 und professionellen Kommunikationskompetenzen erwachsen.
Ich würde mich freuen auf diese Antworten. Weil Ausrufezeichen- egal wie lange es dauert, bis sie da sind und egal, wie lange sie Bestand haben - die Lähmung des Fragezeichens lösen. Und nur so das Weitergehen möglich ist, das Werden und das Akzeptieren, das nichts bleibt, wie es war.

Montag, 5. September 2011

Zwölf Monate.



September



Oktober


November


Dezember


Januar



Februar



März

Link

April





Mai



Juni


Juli


August


September











Freitag, 19. August 2011

Ausser Sichtweite

Netz macht, dass du deine Bekanntschaften splittest in Virtuelle und Analoge.

Mobiles Netz katalysiert die Schnittmengenherstellung, einmal nach Irgendwem zum Kaffeetrinken in Irgendwo fragen, Schwups kriegst du Irgendwas, mindestens aber erstmal einen Kaffee in Irgendwo. Oder Kekse aus Irgendwo. Tweetup, heißt das dann, analoger Brennwertgewinn durch digitale Vernetzung.

New Year's Eve, NYC, 1965 (Kiss me, stupid)

Wir kaufen mobilen Zugang zur permanenten Verfügbarkeit und zum Verfügungstehen unserer Lifelines: Den professionellen, den emotionalen, den höheren Gewalten (wetter.com).

Wir kleben an Geräten, senken den Blick, um in so einer digitalen Erbaulichkeitskrücke von 140 Zeichen zu lesen: „Blick heben!“. Die Verarbeitung dieser Daten nimmt die Zeit in Anspruch, die wir nutzen könnten, eben dies zu tun: Den Blick zu heben und wenn schon nicht schweifen zu lassen, dann mal rüber zu wuchten, zu unserem Gegenüber. Alas poor us: Er scrollt durch seine iTunes.

Mit anderen Worten: Ich glaube, ich schaue zuviel auf Bildschirme.

Der Witz an der Mobilität und der Dynamik ist, dass wir sie beherrschen müssen, um Stabilität zu wahren: Die unserer Existenzsicherung, Beziehungen, der gottverdammten Parkkarte für dein Auto, die immer nur für ein Postleitzahlengebiet gilt und nein, es zählt nicht, dass am Samstag keine Straßenverkehrsämtliplakettenstelle Zeit für dich hat.

Um zu sichern, was ist: Monetär, Emotional, musst du dich bewegen.

Wer das bezweifelt, stand noch nie an einem Sonntag Abend auf einem Bahnsteig und sah die vielen hauptberuflichen Mischgewebsträger, wie sie die Nasen aneinanderreiben bevor sie sich einmal mehr für 5 Nächte in jeweils anderes betitelte Orte mit Stadtrecht, Bahnanschluss und fakultativ Landesregierungssitz zurückziehen. Damit A und B sich in C treffen können, müssen sie genug Geld verdienen, um Bahnfahrten und Zweitwohnsitze zu finanzieren. Weil A keinen Job in D, der gemeinsamen Heimatstadt findet und B sich gerne die Geschichte über sich selbst glauben würde, eine im Grunde genommen unabhängige, weltinteressierte und für neue Eindrücke offene, ihnen geradezu nachhungernde Person zu sein, wählt man nun Option E: Elend Wochenendbeziehung.

Das Glück in Minuten, irgendwo zwischen Trockenreinigung, Steuererklärung und Zoobesuch mit Patenkindern.Was das bringt? Ein volles Meilenkonto, einen konfusen Kopf, Erledigungen on the go, ständige Verfügbarkeitserwartung an sich selbst und Andere, kein Ankommen, nirgends.

Wenn ein mit dem großen Löffel gegessenes Leben bedeutet, sich einzulassen, bedeutet das eben auch: Nicht mehr rauskommen aus den Chosen. Oder unter Windungen. Oder dem gewunden werden. Die Hoffnung bleibt, das man so verdreht noch den Refresh-Button findet.


Mittwoch, 27. Juli 2011

Wiederentzünde mein Feuer

Keine Ahnung, ob es der momentane Countrymusikanfall meines Nachbarn von unten ist in einer Lautstärke, die auf eine wöchentlich stattfindende Line Dance Therapie schließen lässt oder der abendliche Beschäftigungszwang mit der Einkommenssteuererklärung- der zweiten meines Lebens- vermutlich ist es das sowie mein Besuch eines Take That Konzerts letzten Freitag, der diesen Blogpost triggert. Ich denke nach übers Erwachsenwerden, übers Altwerden, was das bedeutet und ob der Fakt, dass ich jetzt anfange, solche Sätze überhaupt zu schreiben darauf schließen lässt, dass es für mich sowieso längst vorbei ist mit dem süßen Vogel Colakaugummi.





Letztes Jahr im Sommer irgendwann fuhr ich mit einer Freundin an die Innenstadtperipherie Berlins, immerhin noch Tarifzone B, aber außerhalb des Stadtrings als Demarkation lebensnotwendiger Stadtbewohnerschaftsbedürfnisanstalten wie Spätverkäufen, 23 h Shops, die niemals sagen, wann die 24. Stunde ist, Programmkinos, aufgerissener Straßen, Parkbänken, auf denen sich Tagesfreizeitler jedweden Alters und Transferleistungsniveaus aufhalten, Spezialbuchhandlungen und Kaufhäuser, in denen man 22 Uhr noch Kuroswas Erstling kriegt oder die Komplettversion des Lebenswerks von Siegfried Rauch, einfach weil man Sehnsucht hat nach der zänkischen Haushaltshilfe aus "Die glückliche Familie" und Frau Burda als sie noch einer anderen reichen Familiendynastie angehörte.

Wir mussten nach Lankwitz, was rein routenplanermäßig gar nicht schlimm war, dort waren wir dank der Berliner Teilung jahrelang akademisch verhaftet gewesen, das amerikanischen Fronstadtprojekt namens Freier Universität Berlin, die prachtvolle ebenerdige Zweckbauten mit mehr Parkmöglichkeiten als Studienplätzen, gestiftet dem weltbekannten Antisemiten Henry Ford und den Dahlemer Naziwitwen vor die Tür geklotzt, hatte es möglich gemacht.

Ziel unserer Expedition war die Heimstatt eines eBay-Nutzers namens Countryballade 19ichhabdieZahlvergessen. Meine Freundin hatte ihm einen Küchenschrank abgekauft, die Art, die einem normalerweise der Vermieter stellt: Die zeitlose Schönheit, die man als mitteldichte Faserplatte kennt, weiß lackiert und halbwegs gut erhalten sollte sie für ein paar Euro nebst Selbstabholung nun Bezirk und Inhalt wechseln.

An unserem Ausflug war weniger bemerkenswert als der Nickname eben jenes Verkäufers. Noch lange nach dem erfolgreichen Stadtteilwuchten verschraubter Holzimitationen rätselten wir über den Hintergrund dieser Namenswahl.

Hatte unser Verkäufer jahrelang Jeans und Ziersporen in dem Schrank gehortet? Lederfransenjacken, deren Rücken von Strassadlern geziert waren, in denen er nachts endlos Linda Feller-Poster angesungen hatte? Und wenn, wie schmerzfrei war er um diese musikalische Vorliebe semiöffentlich beim Verkauf von Einrichtungsgegenständen ganz selbstverständlich preis zu geben?

Als ich letzten Freitag in mitten blond gesträhnter Büromädchen wie mir stand, die sich für einen Abend in ihre Jugendfantasie einer jugendlichen Affektion zu einem ihnen gänzlich unbekannten, aus Vermarktungsgründen der unterhaltungsindustriellen Verwertungslogik zur Verfügung gestellten Boys respektive Manns, der mit seinesgleichen mehr oder weniger koordiniert rhytmisch tanzt (ja, ich meine dich, Gary Barlow) zurückversetzten, kriegte ich sowas wie eine Ahnung von Countryballades Gründen.

Countryballade war schmerzfrei geworden weil Countryballade alt geworden war.

Wen kümmert es, dass alle Welt deinen nicht mehr zeitgemäßen Musikgeschmack kennt wenn alleine du ihn für zeitgemäß hältst? Weil du aufgegeben hast, dich zu interessieren, für Musik, die entstanden ist nachdem du in dem Alter warst, in dem einen noch etwas anderes interessiert als eine grundsolide Altersvorsorge und der Fälligkeitstermin der Steuererklärung. Etwas anderes als der Chromglanz des neuen Ingolstädters vor der Tür, der Geschmack einer raffiniert zubereiteten Speise oder eines Kaffees, dessen Bohnen durch Katzenmägen fermentiert werden musste, etwas anderes als der Kontostand oder die Geschicklichkeit, mit der man den eintausendundersten ganz legalen Steuertrick angewandt hat, was man natürlich sofort mit einem Glas Bordeaux beim mitteledlen Quartiersitaliener an der Ecke im Friedhof der Eigentumswohnungen feiert, aber Vorsicht, die Nomos am Handgelenk darf von der Ausgelassenheit nichts mitbekommen.

Ich war zu Countryballade geworden, das war spätestens dann klar, als ich nach einem Set neuer Lieder meine Enttäuschung über das nochnichtabgefeierthaben von "Relight my fire" oder der Originalchoreographie von "Pray" kaum noch Einhalt hatte gebieten können.

So sind sie, die alten Menschen. Sie gehen raus, und wollen nichts Neues hören.

Immerhin rächte sich meine Frühvergreisung als ich, in einer dank der katastrophalen Besucherleitung der Imtech-Arena Organquetschungsprozedur namens Transferbusschlange feststeckte und die besoffenen Trottelboyfriends der anderen Mainstreammädchen prustend "Kein zweites Duisburg" brüllten weil das ja wirklich wahnsinnig komisch ist. Wie man sich Tickets kauft, so steht man, dachte ich.

Und so sieht er eben aus. Der Hauptstrom. Da fällt mir ein, dass ich vergessen habe die Absurdität einer Anzeige für das Dockville Festival zu fotografieren, auf der einer der 10 größten Bierbrauer Deutschlands tönt, Mainstream wäre ja nur was für die Anderen.

Die Frage ist natürlich, ob es eine realistische Alternative zur Frühvergreisung gibt. Ich hatte mal einen Kollegen, der hat sich jährlich von seinem jüngeren Bruder ein Mixtape mit den größten musikalischen Erfolgen des aktuellen Jahres zusammenstellen lassen um auf dem Laufenden zu bleiben. Darüber hinaus gibt es Menschen, die diese Musik dann nicht nur hören, sondern auch versuchen so zu sprechen oder zu kleiden wie die, die diese Musik machen.

Wie oft alleine das Wort "chillig" aus dem Mund eines Generationsgenossen Udo Lindenbergs mich zwang, ein betretenes, aber nachsichtiges Lächeln ob dieser Anbiederung an vermeintlich noch zur eigenen Alterskohorte zugehörige Gruppen walten zu lassen, kann ich nicht mehr zählen.

Am Ende liegt die Kunst wahrscheinlich irgendwo zwischen dem Sich interessieren für die Gegenwart, einer amnesischen Gemütshygiene, was die Vergangenheit angeht und Gleichmut gegenüber der Zukunft in dem Maß, in dem es ein paar Stunden gesunden Nachtschlaf ermöglicht.

Oder eben im Kauf von Lederfransenjacken mit Adlermotiven. Never forget!

Montag, 25. Juli 2011

This is my blog so I can post emo shit whenever I want. Ha!

"Und die Jahre die wir brauchen bis wir uns davon erholen ziehen vorbei wie fremde Koffer auf dem Band in Charles de Gaulle."

Donnerstag, 21. Juli 2011

And you can tell everybody this is your song

"I hope you choke on your Bacardi and Coke.". Or J&B for that matter.