Sonntag, 5. Oktober 2008

Ohne Hass und Peinlichkeit

Wenn man den Sonntag verkatert und ungeduscht mit der Dauerberieselung durch RTL 2 verbringt in einem Zimmer, das aussieht, als hätte die GSG 9 zum Frühstück reingeschaut, dann ist das entweder die Normalität urbaner twens, wie sie von US-Unterhaltungsserien propagiert wird oder es ist der erste Schritt in die Verwahrlosung, wobei ich mich in diesem Zusammenhang gerne daran erinnere, wie der Vater eines Freundes einst nach sorgenvollem Blick auf seinen Sohn meinte, dieser sähe "irgendwie verwahrlost" aus, man hatte sich zuvor einige Monate nicht gesehen. Diese charmante Lebensstil-und-Look-Evaluation fand bald Einzug in den Jargon der Menschen, neben denen ich damals stand und darauf wartete, dass die Hofpause vorbei war.
Was hat mich bloß so ruiniert? Was generell nur schwierig und nicht ohne Rückgriff auf Kristallkugeln und eine Frau mit Buckel, schwarzer Katze und falschem slawischen Akzent zu beantworten ist, ist auf dieses Wochenende bezogen relativ leicht einzugrenzen auf einen Abend, der acht Uhr mit dem fantastischen "Scheinfranzosen" (Selbstbeschreibung) Jacques Palminger und seiner noch fantastischeren Veranstaltungsreihe "Songs for Joy" begann und halb sechs Uhr morgens mit der unaufgeforderten Aussage "Ick habe keine Spieße mehr" eines Würstchenverkäufers endete. Die Songs for Joy bestanden aus Texten enttäuschter bis optimistischer Mitbürger und trugen Titel wie "Ach, leck mich doch..." oder irgendetwas Französisches, was ich nicht verstanden habe, und wurden allesamt mit wundervollen Akkorden und Rhythmen versehen seitens der drei Abendverantwortlichen um Palminger, wobei mein Lieblingslied von diesem hervorragend tanzenden Herrn zum Besten gegeben wurde und bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich aus den Worten "Smick Smack" bestand. Die Ausnahmen waren die weisen Zeilen: "Es ist an der Zeit, dass die Menschheit versteht, dass Frösche keine Hosen brauchen." Über die Bedeutung dieser Worte zu sinnieren blieb wenig Zeit, wurde doch schon wenig später das ekstatische Publikum zu einer Spontandemonstration vor dem Haus der Kanzlerin aufgefordert. Offensichtlich hatte der Texter des letzten Songs Angela Merkel als Verursacherin seiner andauernde Arbeitslosigkeit und daraus resultierendem Hunger ausgemacht. Da sie nur zwei Straßen vom Veranstaltungsort entfernt wohnt, schien sich ein Protestmarsch zu ihrem Haus nebst Singen des Refrains "Komm mit, Stück für Stück!" mehr als aufzudrängen. Außerdem war es schwer, gesungenen Aufforderungen wie "Szenetypen lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Gruppe ein!" zu widerstehen. Einmal bei Angies Haus angekommen, stellte sich uns die Staatsmacht in ihrer ganzen Härte in den Weg: Zwei völlig Stoiker in Uniform schüttelten lapidar den Kopf, als sie gefragt wurden, ob "die denn nun da" sei. Als der zweite Polzeicorsa ankam, verließ der Protestmarsch die Szenerie. Uns war das Pflaster zu heiß geworden. Wir wären nicht der Stolz Ulrike Meinhoffs gewesen, Jacques und ich, wie wir nebeneinander singend friedlich zurück ins Theater marschierten. Nebenbei: Ist es faschistisch, wenn man sich am Gleichschritt erfreut?
Der weitere Verlauf des Abends brachte den Besuch einer Lokalität, in denen ich erstmals auf einer Tanzfläche den Satz hörte "Muss man denn hier fünf Stunden auf Roland Kaiser warten oder was?". Ich war naturgemäß begeistert.
Zum Schluss noch der Grund, warum ich Herrn Palminger ehelichen möchte:

Kommentare:

kobold hat gesagt…

ich fasse es nicht, daß du bei einer derartigen...demonstration mitgelaufen bist.

ich finde das terrestrisch!

la bonette hat gesagt…

es ging schließlich um unser aller zukunft! krise! terror! probleme!

die andere hat gesagt…

An dieser Stelle möchte ich gerne dazu aufrufen, vor das Haus eines großen Verlegers unserer Wahl zu ziehen und dort zu singen, dass er endlich aufhören soll, hohle Kackbratzen einzustellen, sondern endlich mich. Kostümierung erwünscht.

la bonette hat gesagt…

Ja, da bin ich sofort am Start. Neven DuMont der Ältere hat in meiner Heimatstadt ein Landhaus in der Größe des Elysee Palasts. Da könnten wir hin! Das ist auch landschaftlich schön und vom Wasser aus zu erreichen. Ein Boot ist schwieriger zu räumen als ein Gehweg, so rede ich es mir zumindest ein. Wir könnten als somalische Piraten auftreten.

die andere hat gesagt…

Ich bitte darum. Zumal das Berufsbild des Piraten neben der Kostümierung auch den entsprechenden Alkoholkonsum voraussetzt. Wir werden Piratenlieder singen und Johnny Depp treffen, I like.

you know who... likes pirates hat gesagt…

Drink up me hearties, yoho!