Montag, 14. Januar 2008

Du weißt, dass du übertrieben hamma bist, wenn...

Kürzlich wurde ich gefragt, ob ich nicht irgendeine "neue, krasse Bahngeschichte" wüsste, wie die, mit der ich als junges, gerade vom Rübenlaster in die Hauptstadt gefallenes Ding meine in der Heimat verbliebenen Freunde zu unterhalten pflegte. Damals staunte ich beispielsweise noch über vollgestopfte Züge, in denen, wie durch ein Wunder eine Sitzbank komplett frei ist, was allerdings daran liegen könnte, dass einer der eventuell noch Anwesenden soeben seinen Mageninhalt auf den Kunststoffsitzen mit dem putzigen Fernsehturmmuster verteilt hat, was man den stoischen Gesichtern der Mitfahrer allerdings nicht ablesen kann.
Inzwischen halte ich mich auch für einen dieser Stoiker, ein Selbstverständnis, das allerdings vor kurzem einer Prüfung vom Anstrengungsmaß einer schriftlichen Kurzkontrolle in Physik ohne Vorankündigung unterzogen wurde.
Die Situation: Mittwoch morgens halb neun, eine handelsübliche U-Bahn, ordentlich voll, jedoch mit dem Einen oder anderen Sitzplatz zwischen den in ihren Douglastüten (Anm. d. Verf.: Wann genau wurden Parfümerie-Taschen zu gesellschaftlich akzeptierten Accesoires? In nichts scheint die durchschnittliche Mittvierzigerin heute lieber ihre Tageszeitung, ihr auf Eistee basierendes Getränk und ihren Deostick zu transportieren als in den hochnäsigen Cousins der Alditüten) kramenden Verwaltungsfachangestellten. Ich setze mich und bemerke mit der morgens üblichen Verzögerung von einer Minute, dass der Typ mir gegenüber ungefähr 6 riesige Plastetüten vor sich stehen hat sowie eine schwarze Ledertasche, die irgendwie an eine Arzttasche erinnert, allerdings so eine, die Dr. Mabuse bei sich getragen hätte. Auf jener hat er einen Wust von Schnüren platziert, über deren Art der Beschaffenheit ich mich nur solange wundere, bis der Typ anfängt, eine nach der anderen als Kette um seinen Hals zu legen, wodurch erst ihre wundervollen Anhänger ganz zur Geltung kommen: Nach 5 Minuten trägt der Mann einen mittelgroßen, silbernen Pferdekopf, etwas, das aussieht wie Münzen sowie den ein oder anderen Husky-Anhänger um den Hals. Beim Versuch, ihn nicht penetrant anzustarren, gucke ich (mit professionell-blasierten Blick) auf die freie Sitzfläche neben ihm, wo mich, zu meiner mittelgroßen Überraschung, dieses Schmuckstück anlacht:








In diesem Moment ging mir der Sinn des aktuellen Titels von Culcha Candela auf, was allerdings sekundär war angesichts meiner kurz aufflackernden Todesangst, die mich vor das uralte Problem im Angesicht von Weirdos stellte: Aufstehen, sich wegsetzen, das Leben vielleicht um ein paar Sekunden bzw. eine Station verlängern (wer will schon an der Weberwiese sterben wenn es auch der Strausberger Platz sein kann?), damit aber vielleicht erst die Aufmerksamkeit des Typen auf sich ziehen, der dann, aus Wut über seine soziale Ausgestoßenheit erst recht probiert, einem die Hirnmasse mir beherzten Schwung aus dem Kopf zu schlagen ODER einfach stoisch sitzen zu bleiben und sich weiter in blasierten "Hab ich alles schon erlebt, is urban, Alter!"- Blicken zu üben. Ich entschied mich, nicht zuletzt wegen meiner übermenschlichen Faulheit, für letzteres und da ich lebe, um davon zu bloggen, war das offensichtlich mal wieder die richtige Wahl: Die Sache einfach auszusitzen! Erfolgreich nicht erst seit Helmut Kohl.

Kommentare:

factory girl hat gesagt…

Aussitzen ist nicht immer die Lösung (brechreizverursachender Gestank rechtfertigt das sofortige Verlassen der Bahn), aber in dieser Situation schon. Scary!

kobold hat gesagt…

schöner eintrag. gut geschrieben. gut gemacht. frau goldt!

hey, will jemand mit am donnerstag, 17uhr, HFF potsdam? gratis film kiekn! hier:
http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,500262,00.html

la bonette hat gesagt…

Ach, der alte Onkel Max! Ich mochte ihn immer, musste irgendwann aber aufgrund seines Autofahrerbashings damit aufhören. Trotzdem: Danke! Und Donnerstag nach Gertrud noch bis Potsdam raus?

kobold hat gesagt…

da der film 17 uhr beginnt, denke ich eher, die gute gertrud allein reden zu lassen. ach halt, macht sie ja immer. na, du weißt, was ich mein!